Christian Favre | Christian Favre – Komponist
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Christian Favre – Komponist

Das Leben ist eine fortwährende Überraschung, ein Wechselspiel aus schlechten und guten Momenten.

Zu letzteren zählt, wenn auch in einer unterschätzten Rolle, die Rückkehr eines lieben Freundes, aus den Augen verloren und dennoch lebhaft in Erinnerung und im Herzen. Ich habe Christian Favre vor langer, langer Zeit als jungen, vielversprechenden Pianisten kennengelernt und seitdem seine erfolgreiche Karriere von Zeit zu Zeit mitverfolgt (es ist oft die räumliche Distanz, welche die Menschen trennt), über seine CDs und auch über die anerkennenden Reaktionen von einigen seiner Schüler. Aber jetzt entdecke ich den Komponisten Christian Favre. Und mit welchem Format! Seine Werke waren lange Zeit ebenso versteckt wie die ersten Christen in den Katakomben, bis zu dem Moment, wo die Pluralität der zeitgemäßen Sprachen es ihrem Autor erlaubte, seine schöpferische Arbeit der Öffentlichkeit zu präsentieren, und das ohne jegliche Unsicherheit.

Christian Favre ist ein romantischer, leidenschaftlicher und stürmischer Musiker. Er versteht es, das Leben zu genießen, ist großzügig, sensibel und (eine Eigenheit von Künstlern) besonders ergriffen von allem Schlechten und den Verlusten die jene Menschen erleben müssen, die ihm lieb sind. Dieses Requiem, gewiss entstanden aus solchem Kummer, spricht die authentische, ehrliche Sprache der Emotionen. Denn darum handelt es sich hier, weit entfernt von jeglicher Sorge über stilistische Konformität, mit einer präzisen Ästhetik. Avantgardismus und Nachahmung sind fehl am Platz in dieser strengen Partition, die versucht, Spannungen zwischen Angst vor dem Tod und Heiterkeit, zwischen einer Dodekaphonie mit tonalen Wurzeln und der Polytonalität zu lösen.

Seine Sprache? Ich wäre dazu geneigt zu antworten die des Herzens, wenn dieses Bild nicht ein bisschen altmodisch für unsere Zeit klingen würde. Requiem ist tief verankert in einer bestimmten westlichen Tradition, ohne dass es möglich wäre, konkrete Vorbilder dafür zu finden. Im einleitenden Requiem æternam meint man, das schwache Klopfen eines Herzen in Not wahrzunehmen, welches dennoch seinen mit Widrigkeiten gesäumten Weg fortsetzen muss. Die Kyrie eleison erhebt sich wie eine Litanei zwischen den vom Wind symbolisierten Melismen, in einer harmonischen Sprache, die Frank Martin nicht geleugnet hätte. Das Dies Irae, beim düsteren Beginn beinahe wie von Ravel, lässt den Zuhörer wie ein makabrer, bedrohlicher und beängstigender Tanz herumwirbeln. Hierbei handelt es sich um den am stärksten entwickelten Teil dieses Requiems, in welchem sich Drama und Frieden abwechseln, um in einem besonders sanften und leuchtenden Wiegenlied frei zu werden. Das darauf folgende Sanctus beginnt mit ganzem Herzen, welches den letzten Teil dominiert, indem es den für das Agnus Dei charakteristischen Frieden und seine Unbekümmertheit mit sich bringt. Dieses schöne und umfangreiche Gemälde endet in der Stille, aufschiebend und ungelöst in Bezug auf unsere immerwährenden Fragen zum Tod…

François Hudry
Musikjournalist, Produzent bei France Musique

Création du Requiem à Buenos Aires, Coro Orfeón et l'Orchestra Philharmonic Teatro Colonne direction Facundo Agudin - 2008Création du Requiem à Buenos Aires, Coro Orfeón et l’Orchestra Philharmonic Teatro Colonne direction Facundo Agudin – 2008

Requiem de Christian Favre, enregistrement du CD, l’Heure Bleue – la Chaud-de-Fonds

Christian Favre ist als Schweizer Pianist durch CDs, Konzerte und seine Lehrtätigkeit sehr bekannt. Man kennt ihn vielleicht weniger als Komponist. Zu unrecht. Sein Requiem ist umwerfend. Ein Werk, das ausgefeilt in sehr berufssicherem Schreibstil entstand und ohne Zweifel neben die großen Requiems der Geschichte gestellt werden kann.

Eine solche Seite zu beschreiben ist in wenigen Zeilen ein Ding der Unmöglichkeit. Gequälte aber reine Musik, dunkel aber voller Farben, düster und gleichzeitig großzügig, könnte man ihn vielleicht als mit Frank Martin verwandt nennen. Auch wenn im Requiem von Christian Favre Zwölftonmusik vorkommt, ist es doch in der Tonalität verankert. Eine ergreifend zerreißende Musik, von einem Mann geschrieben, der durch den vorzeitigen Tod seines Bruders schockiert ist und dennoch in Frieden, Ruhe und mit einem Fragezeichen endet.

Thierry Dagon
 Musikjournalist „Revue Musicale Suisse“

DAS REQUIEM VON CHRISTIAN FAVRE FEIERT GROSSE ERFOLGE IN DER KATHEDRALE VON LAUSANNE

Am Mittwoch dem 24. November durften wir am Abend einen außergewöhnlichen Moment erleben – ein Moment der Größe und der Wahrheit, denn die Welt der Musik wurde um ein kraftvolles und unverzichtbares Werk, dessen Dimensionen über die lokale Ebene hinausgeht, reicher. Das große Publikum, welches dieses Werk andächtig und begeistert jubelnd aufnahm, hat sich hier nicht geirrt.

Mit seinem Requiem für Chor, Solisten und Orchester zeigt uns Christian Favre eine neue, äußerst reizvolle Seite seiner vielseitigen Persönlichkeit und seiner authentischen Musikernatur. Er nimmt einen Platz unter den bedeutendsten Komponisten nicht nur diesen Landes, sondern auch dieser Zeit ein. Seine hervorragenden Fähigkeiten im vokalen sowie im symphonischen Schreiben dienen einer eindrucksvollen Darlegung des liturgischen Textes, welcher nie über zu viel imposante Schönheit verfügen kann. Christian Favre macht daraus eine überaus persönliche Auslegung, er versteht es, seine minimalsten Klangveränderungen und seine Verlängerungen auf eine ergreifende Art und Weise zu verstecken, von den subtilsten bis hin zu den dramatischsten. Das Werk gewinnt hier an Tiefe und an Bedeutung, in der Intensität seiner Gegensätze zwischen Farben oder Atmosphären einem bunten Kirchenfenster ähnlich.

Hiermit hat Christian Favre einen Mut bewiesen, den es zu würdigen gilt. Ein so wichtiges Werk, konzipiert, in Angriff genommen und schließlich realisiert, verdient größten Respekt. Was am meisten beeindruckt – und was zweifellos einen solchen Erfolg und einen solchen Zugang zum Publikum erklärt – ist die Verwendung einer zutiefst originalen und persönlichen Sprache, deren tonales Fundament niemals in Frage gestellt wird, denn das Rückgreifen auf die heutigen Techniken wird mit ihrer gänzlichen Unterwerfung unter die Notwendigkeiten des musikalischen Ausdrucks gerechtfertigt. So war es mehr als selbstverständlich, dass das Requiem von Christian Favre, nachdem ihm im März 2008 im Teatro Colon in Buenos Aires die Ehre einer Welturaufführung zuteil wurde, in der Kathedrale von Lausanne präsentiert werden würde.

Dies ist jetzt geschehen, dank dem bemerkenswerten Engagement von Pascal Mayer, gleichermaßen inspirierter wie inspirierender Leiter. Unter seiner Leitung haben der Chœur Pro Arte de Lausanne, der Chœur de chambre de l’Université de Fribourg, ein Quartett von ausgezeichneten Solisten und das Orchestre de la Suisse Romande das Werk glänzend präsentiert, mit hervorragender Überzeugungskraft. Nun nimmt dieses Requiem nicht nur in diesem Land, sondern auch weit über seine Grenzen hinaus, seinen Platz inmitten der repräsentativen Werke ein, an der Seite von Brittens War Requiem oder von den Werken von Frank Martin …

Jean-Jacques Rapin
Ehemaliger Direktor des „Conservatoire de Lausanne“

Le Requiem de Christian Favre à la Cathédrale de Lausanne le 24 novembre 2010 - OSR - Choeur Pro Arte Le Requiem de Christian Favre à la Cathédrale de Lausanne le 24 novembre 2010 – OSR – Choeur Pro Arte, direction : Pascal Mayer